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LiebesWAHN-Limerenz

Waren Sie jemals WAHNsinnig verliebt?

Von Birgit Schmidmeier
11.02.2014

Dieser Artikel beschäftigt sich mit einer Art von Verliebtsein, die über das, was man normalerweise darunter versteht, hinaus geht.
Möge er hilfreich sein für Betroffene und Angehörige.
Schreiben Sie mir gerne Ihre eigenen Erfahrungen und Bewältigungsstrategien. Quellenangaben finden Sie am Ende des Artikels.

Inhalt

Liebeswahn ade - Wege aus der Limerenz

Kennen Sie das auch? Auf einmal schlägt der Blitz aus heiterem Himmel in Ihr Herz ein, tausend Schmetterlinge im Bauch – und Sie haben sich unsterblich verliebt.
Ja gut, das haben Sie vermutlich schon einmal erlebt. Was aber nur wenige Menschen erfahren haben ist eine Art von Verliebtheit, die einen buchstäblich so in Besitz nimmt, dass man fast an nichts anderes mehr denken kann. Zwischen himmelhoch-jauchzend und zu-Tode-betrübt fühlt man sich wie ein pubertierender Teenager. Was ist passiert?

Da ich selbst von dieser Thematik betroffen war, und sie mich vor allem in den Jahren 2011 und 2012 erheblich aus meinem seelischen Gleichgewicht brachte, begann ich im Internet zu recherchieren um zu erfahren, was mit mir los ist und wie ich mir helfen kann. Die Ergebnisse möchte ich gerne mit Ihnen teilen. Vielleicht hilft es Ihnen in einer ähnlichen Situation weiter.

Wikipedia brachte mich auf meine Frage nach „Verliebtheit“ auf den in den USA geprägten populärpsychologischen Begriff Limerenz für intensive Verliebtheit. Dieser Begriff wurde 1979 von der Professorin für Verhaltenspsychologie Dorothy Tennov eingeführt. Die Definition in der Wiki traf mich wie ein Paukenschlag:
„Der Begriff beschreibt einen extremen Zustand des Verliebtseins, der bereits mehr ist als das berühmte "Kribbeln im Bauch" und die damit verbundenen Verhaltensmuster. Der Zustand der Limerenz ist gekennzeichnet durch ein stetiges, geradezu besessenes Denken an die geliebte Person, die sehnsüchtige Hoffnung auf Erwiderung der Gefühle, die ständige Furcht vor Zurückweisung, die Ausblendung negativer Attribute die geliebte Person betreffend, die Fokussierung der Sinneswahrnehmung auf Dinge und Vorfälle, die sich auf die geliebte Person beziehen, sowie Schüchternheit und Unsicherheit in Anwesenheit der geliebten Person. Limerenz geht bei erfolgreichem Zustandekommen einer Beziehung in Liebe über; bleibt die Limerenz einseitig und wird sie nicht erwidert, klingt der Zustand selbständig ab. Laut Tennov kann er von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren anhalten.“

Zum ersten Mal fühlte ich mich verstanden. Das 400-Seiten-Buch „Über die romantische Liebe“ von Dorothy Tennov bestellte ich mir umgehend und las es in nur zwei Tagen. In den nächsten Abschnitten fasse ich einige Erkenntnisse aus dem Buch zusammen und ergänze sie um eigene Erfahrungen und Beobachtungen.

Verlauf

Wichtig für die Entstehung und den Verlauf einer Limerenz ist ein fortgesetztes Spannungsverhältnis von Hindernis und Hoffnung. Schüchternheit, Unsicherheit und die Angst vor Zurückweisung bewirken, dass man der geliebten Person die starken Gefühle nicht deutlich genug macht. Durch reale oder erdachte Hindernisse, welche den Kontakt zur Zielperson bedrohen, wird die Leidenschaft besonders entfacht. Dabei wird jede Kleinigkeit, die eine dritte Person als neutral oder sogar ablehnend bewerten würde, zum Zeichen der Hoffnung erklärt – so groß ist der Wunsch nach Erwiderung der Gefühle.
Die Schwankungsbreite der eigenen Stimmungen dehnt sich enorm aus. Denn die Besessenheit lässt einen zuweilen von den überschäumendsten Glücksgefühlen voller Hoffnung und Vorfreude in die abgrundtiefste Verzweiflung stürzen. In dieser Unfreiwilligkeit liegt leider sehr viel Schmerz verborgen.

Die Abhängigkeit von der Zuneigung der geliebten Person und das starke Verlangen können suchtähnlichen Charakter annehmen. Die Intensität der Gefühle kann sich bis ins Wahnhafte steigern und zu einer Fehlbeurteilung der Wirklichkeit führen. Sogar angesichts von gegenteiligen Beweisen – beispielsweise einem klaren NEIN der Zielperson – wird mit absoluter subjektiver Gewissheit an der Hoffnung auf die Erwiderung der Gefühle festgehalten.
Besonders ausgeprägt sind zwanghafte Tagträume mit - nicht nur aber auch - sexuellem Inhalt. Die romantische Vorstellung von Szenen der Erwiderung der Gefühle über eine ekstatische sexuelle und emotionale Verschmelzung bis zum gemeinsam gelebten Alltag können diese Tagträume eine erhebliche Stundenzahl täglich in Anspruch nehmen. Dabei reagiert der Körper mit dem entsprechenden Ausstoß von Glücks- oder Stress-Hormonen, denn er unterscheidet nicht, ob diese Erlebnisse nur in der Phantasie oder real stattfinden.

Limerenzen kommen übrigens bei Homosexuellen prozentual genau so häufig vor wie bei Heterosexuellen. Tennov hat durch ihre zahlreichen geführten Interviews sogar herausgefunden, dass es die limerenten Gefühle sind, nach welchen sich die Menschen als homo oder hetero einschätzen und nicht so sehr die tatsächlich gelebte Sexualität.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Sie ahnen sicherlich schon, wie sich stundenlange Tagträumereien im Alltag auswirken. Sie führen zu Antriebslosigkeit, weil man am liebsten nur Träumen möchte. Rafft man sich doch einmal zu einer Aktivität auf, rauben einem die Gedanken an die geliebte Person völlig die Konzentrationsfähigkeit. Dies kann wiederum zu einer Überforderung führen, weil man mit den alltäglichen Anforderungen des Lebens nicht mehr so gut zurecht kommt. Man glaubt, langsam verrückt zu werden. Besonders fatal wirkt sich das auf Soloselbstständige aus, die von zu Hause aus arbeiten. Da gerät rasch die Existenz in Gefahr, denn es fehlt die „soziale Kontrolle“ die ein Abdriften in die Traumwelt wahr-nehmen und ansprechen könnte.

Bild: "Limerenz" von Birgit Schmidmeier, 02/2012 (zum Vergrößern bitte anklicken)
Quelle: www.birgit-schmidmeier.de/privat/kunstwerke/comics-und-zeichnungen/index.html

Man kann limerente Gefühle für einen Menschen entwickeln, obwohl man mit einer anderen Person eine Beziehung führt. Eventuell entsteht eine solche Situation dadurch, dass man seine Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit, Sexualität oder Romantik nicht wahrnimmt und/oder nicht klar kommuniziert oder der Erfüllung innerhalb der Beziehung aus irgendeinem anderen Grund etwas im Wege steht. Aus der Traurigkeit über das unerfüllte Bedürfnis kann eine Sehnsucht erwachen, die sich dann nach außen richtet. In dieser Situation kann man sich leicht in einen anderen Menschen verlieben. Das gefährdet dann natürlich die momentane Partnerschaft. Aus Angst vor der Entdeckung der eigenen starken Gefühle vertrauen sich dann viele Betroffene niemandem an. Besonders dann, wenn man plötzlich zum ersten Mal leidenschaftliche Gefühle für eine Person des gleichen Geschlechts entwickelt.

Dauert der Zustand länger an, kann es durch diese Isolation zu Depressionen kommen und im schlimmsten Fall zum Suizid, wenn die Situation als dauerhaft ausweglos und ein Leben ohne die geliebte Person als nicht lebenswert erscheint. Man könnte sogar annehmen, dass mehr Depressionen und Suizide auf nicht offen ausgesprochenen und bearbeiteten Mega-Liebeskummer beruhen, als wir annehmen.

Deshalb halte ich es für so wichtig, dass wir dieses Phänomen verstehen lernen, damit wir uns selbst helfen und betroffenen Menschen beistehen können.

Was begünstigt den Ausbruch einer Limerenz?

Laut Tennovs Buch von 1979 ist die antike Theorie, wonach die Liebe durch einen Bogenschuss Amors ausgelöst wird, noch nicht durch andere Theorien ersetzt worden. Mittlerweile gibt es natürlich eine Reihe von Sachbüchern, die uns vor allem die hormonellen Zusammenhänge und die Erkenntnisse aus der Hirnforschung näher bringen. Helen Fisher beschreibt in ihrem Buch „Warum wir lieben…und wie wir besser lieben können“ wie diese wahre „Dopamin-Vergiftung“ im Gehirn das ganze Hormonsystem aus der Balance bringen kann. Genetische Voraussetzungen werden ebenfalls diskutiert.

Möglicherweise kann Angst vor echter Nähe eine Rolle spielen, denn man braucht sich nicht in aller Offenheit auf einen anderen Menschen einlassen, wenn man eine unerreichbare Zielperson „anhimmelt“. Diese Angst vor Nähe kann eventuell ein Schutz vor (neuen), befürchteten Verletzungen oder Verlusten sein.

Festzustellen ist jedenfalls, dass auch völlig bodenständige Menschen, die sich ansonsten durch hohe Alltagskompetenzen auszeichnen, davon betroffen sein können. Niemand sucht sich das freiwillig aus. Es kann jede/n treffen – wieso ist bislang ungeklärt.

Hilfreicher als die schwierige Suche nach Ursachen ist für Betroffene möglicherweise, wie sie konkret mit der Situation zurecht kommen können, denn gerade in der akuten Phase scheint sich der Zustand der Limerenz einer willentlichen Kontrolle zu entziehen. (Selbst-)Abwertungen, Urteile oder Schuldzuweisungen sind völlig sinnlos und sollten vermieden werden. Vielmehr geht es um die liebevolle Akzeptanz und Wertschätzung der eigenen Person und um die Stärkung seiner Ressourcen um ganz individuell wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Wie findet man den Ausweg aus der Sackgasse?

Der folgende Abschnitt stellt lediglich eine Sammlung von Bewältigungsstrategien ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder garantierte Wirksamkeit dar. Das Phänomen der Limerenz wird von jedem Menschen anders erlebt und jedeR entwickelt deshalb seinen individuellen Weg und jedeR Mensch benötigt dafür unterschiedlich lange.

Nach Tennov gibt es lediglich drei Möglichkeiten:
- Entweder die Limerenz legt sich irgendwann von selbst (spätestens nach drei Jahren).
- Oder es entwickelt sich wirklich eine Beziehung. Die Limerenz kann aber weitergehen wenn es weiterhin das Wechselspiel von Hindernis und Hoffnung gibt.
- Oder man überträgt die intensiven Gefühle auf eine andere Person.

Meiner Erfahrung nach ist durchaus ein liebevoller, gestaltender Umgang möglich, der es einem Menschen vor allem nach überstandener Limerenz ermöglicht, künftige Beziehungen fruchtbarer zu gestalten. Doch wie kommt man da hin?

(Zum Vergrößern bitte anklicken)

Das ist vielleicht ein wenig zu kurz gefasst, deshalb hier ein paar konkrete Anhaltspunkte, wie man das gestalten könnte.

1. Soziale Unterstützung organisieren

Ein ganz wichtiger Faktor für seelische Widerstandskraft – der sogenannten Resilienz – ist ein soziales Netzwerk, das einen versteht und vor allem unterstützt. Es kann aus Familienangehörigen, FreundInnen, sonstigen MentorInnen oder auch Professionellen (z.B. Coach, MediatorInnen, TherapeutInnen) bestehen, zu denen man möglichst eine starke persönliche Verbindung aufbaut. Sich aus der Isolation zu bewegen und sich einem verständnisvollen Menschen anzuvertrauen entlastet die Seele bereits ungemein. Am besten findet man einen Menschen, dem bereits Ähnliches widerfahren ist. Meiner Erfahrung nach tun sich Menschen, die solche intensiven Gefühle nie erlebt haben, sehr schwer damit, Limerenz und die damit verbundenen Verhaltensweisen zu verstehen. Zu wissen, dass man nicht alleine ist, stellt eine sehr wichtige Voraussetzung für den nächsten Schritt dar.

2. Realitätsabgleich

Jetzt geht es auch gleich mit dem vermutlich schwierigsten Punkt weiter. Die größte Sehnsucht ist ja die Erwiderung der Gefühle bei gleichzeitiger übergroßer Angst vor Zurückweisung. Aus diesem Grund wird die Offenbarung der eigenen Gefühle meist hinaus gezögert. Denn solange man die Illusion der Erfüllung aufrecht erhalten kann, besteht Hoffnung. Das Spiel – und damit das Leiden – kann sich durchaus Jahre hinziehen. Um das zu verhindern macht es Sinn, möglichst bald heraus zu finden, wie das Gegenüber empfindet und ob eine reelle Chance auf eine gemeinsame erfüllende Liebesbeziehung besteht. Der konkrete Kommunikationstipp unter 11. kann dazu vielleicht ganz hilfreich sein.

Wenn man schon öfters mit unterschiedlichen Menschen eine Limerenz durchlebte, dann ist das künftig vielleicht gleich eine gute Strategie, wenn man merkt, dass wieder so etwas anfängt. Dann lässt man es vielleicht gar nicht mehr so weit kommen, sondern sorgt möglichst rasch für Klarheit.
Möglicherweise geht das jetzt manchen zu schnell. Dann ist es vielleicht hilfreich sich selbst ehrlich zu fragen: Worum geht es mir wirklich-wirklich?
Will ich Resonanz in Balance und eine reale, erfüllende, glückliche Liebesbeziehung oder eine unerwiderte einseitige Verliebtheit, die nur in meiner Traumwelt existiert?
Also: face your fears! (zu deutsch: stell dich deinen Ängsten!).

3. Ein NEIN akzeptieren

Von einem geliebten Menschen zurückgewiesen zu werden, gehört vermutlich zu den schlimmsten Seelenqualen, die ein lebendiges Leben für uns bereithält. Das kann durchaus dazu führen, dass man vorübergehend gänzlich die Lust am Leben verliert. Entweder ER/SIE oder keineR, sagt man sich entschlossen.

Aber hat man sich nicht bereits lange genug am Ende der Sackgasse den Kopf und das Herz wund gestoßen? Um den Weg aus einer Sackgasse zu finden, muss einem zuerst bewusst werden, dass es sich um eine solche handelt. Es erfordert, sich der Situation offen zu stellen und die Sackgasse zu erkennen und zu akzeptieren. In der dann folgenden klaren Entscheidung JETZT die Hoffnung ein für alle Mal aufzugeben und umzukehren liegt der neue Weg zurück ins Leben mit all seinen Chancen. Ent-Täuschung bedeutet das Ende einer Täuschung. Dieser Neubeginn kann leider durchaus von Geburtswehen begleitet sein. Aber er lohnt sich.

Bild unten: „Sackgasse“ von Birgit Schmidmeier, 09/2002 (zum Vergrößern bitte anklicken)
Quelle: www.birgit-schmidmeier.de/privat/kunstwerke/wort--und-seelenbilder/index.html

4. Tauschhandel beenden

Vielleicht stellt sich an dieser Stelle das Gefühl ein, den geliebten Menschen im Stich zu lassen? Man erkennt doch ganz genau welchen Problemen diese Person im Leben ausgesetzt ist und hat längst die Gründe dafür analysiert – kein Wunder, denn man richtet täglich stundenlang den Fokus auf diesen Menschen aus. Man würde sein letztes Hemd dafür geben, diesem Menschen bei der Alltagsbewältigung behilflich zu sein. Warum?
Um dafür als rettendeR Held/in geliebt zu werden. Man will gebraucht werden, sich unentbehrlich machen um dafür mit Liebe belohnt zu werden. Doch bedeutet dieser Tauschhandel wirklich einen Menschen zu lieben? Auch wenn es schwer fällt und weh tut: Die Zielperson hat sicherlich ebenfalls ein unterstützendes Netzwerk und ist auf weitere Hilfe nicht angewiesen. Bestimmt hat sie in der Vergangenheit die liebevolle Aufmerksamkeit genossen. Ich will noch gar nicht davon sprechen, dass man als Energietankstelle benutzt wurde, doch da Energie der Aufmerksamkeit folgt, hat man die Zielperson zweifellos mehr als bereitwillig mit Energie versorgt – um nicht zu sagen: ihr die Energie und vermeintliche Hilfe möglicherweise ungefragt aufgedrängt. Aufmerksamkeit nimmt jedeR gerne mit. Es bedeutet jedoch noch lange nicht, dass die intensiven Gefühle erwidert werden, wohl aber vielleicht, dass man als Mensch und FreundIn durchaus geschätzt wird. Man darf ab jetzt darauf vertrauen, dass für diesen Menschen liebevoll gesorgt ist – auch wenn man sich zurückzieht.

5. Kontakt einstellen

Ja, richtig gelesen: „…auch wenn man sich zurück zieht.“
Vermutlich hört man an der Stelle vom Gegenüber Sätze wie: „Aber lass uns doch Freunde bleiben.“ Oder „Wir können das doch regeln wie erwachsene Menschen und in Kontakt bleiben.“ Das hört sich alles sehr verführerisch an und natürlich möchte man den/die AngebeteteN lieber als FreundIn im Leben behalten, als ganz zu verlieren. Sehr verständlich. Doch was würde dann passieren wenn man ganz ehrlich zu sich ist? Genau, die Hoffnung keimt erneut auf, denn man sagt sich: „na also, es liegt ihm/ihr ja doch etwas an mir!“ oder „Ich lasse ihm/ihr einfach ein wenig Zeit, dann wird er/sie sich schon in mich verlieben.“ Wenn man weiterhin in Kontakt bleibt, dann geht alles wieder von vorne los. Man hat ein klares Nein missachtet, welches der Beginn eines JA zu sich selbst hätte sein können. Ratsamer wäre es deshalb die Klarheit des Augenblicks zu nutzen und sich in Sicherheit zu bringen. Zumindest solange, wie man braucht, um den Schmerz zu überwinden. Bei mir dauerte das in der Regel ungefähr ein halbes Jahr.

6. Vom Mangel in die Fülle

Vor einigen Jahren hörte ich eine interessante Geschichte.
„Stellen Sie sich vor, Ihnen gelüstet nach einem Apfel. Sie sind gerade in der Stadt unterwegs und kommen an einem Bioladen vorbei. Drinnen stehen drei Kisten mit Äpfeln unterschiedlicher Sorten. Was werden Sie wohl tun?
Sie werden sich vermutlich den schönsten aussuchen, mitnehmen und genießen.
Stellen Sie sich als zweites Bild die Situation vor, dass Sie allein auf einer Bergtour unterwegs sind. Sie sind bereits drei Stunden unterwegs und bekommen Hunger. Entsetzt stellen Sie fest, dass Sie Ihren gesamten Proviant zu Hause vergessen haben. Die nächste Einkehrmöglichkeit ist einen dreistündigen Fußmarsch entfernt. Am Wegesrand finden Sie einen etwas angeschlagenen Apfel. Was werden Sie diesmal tun?
Die meisten Menschen antworten an dieser Stelle: aufheben, putzen, essen!
Ein drittes und letztes Bild gibt es noch: stellen Sie sich bitte vor, Sie irren seit zwei Tagen alleine durch die Wüste. Wasser und Proviant gingen bereits gestern Abend aus. Im Sand vor Ihnen liegt der Rest eines Apfels, auf dem sich bereits etliche Tiere tummeln. Was würden Sie tun? Für die meisten Menschen steht an dieser Stelle fest: mich darauf stürzen und mitsamt der Tiere (Proteine!) verschlingen.“

Was man durch diese Geschichte erkennt:
Je größer der Mangel, desto niedriger werden die Qualitätsanforderungen!
Dabei ist der Weg doch so einfach wie klar: Raus aus der Wüste!

Ein Glas Wasser wird umso wertvoller, je mehr Durst man hat. Ist diese Intensität jedoch mit Liebe gleichzusetzen? Wie könnte man sich aus dieser gedanklichen Mangel-Falle befreien, wenn man in einen völlig unerreichbaren Menschen verliebt ist?

Dies soll keinesfalls ein Aufruf zur Beliebigkeit werden, aber bei 7 Milliarden BewohnerInnen auf unserem Planeten und einer Bevölkerungsdichte von 226 EinwohnerInnen pro Quadratkilometer in Deutschland besteht vielleicht zurecht der kleine Hoffnungsschimmer, dass da ein Mensch dabei ist, mit dem eine erfüllte und glückliche Beziehung wirklich möglich ist.

7. Runter von der Autobahn

Nach dem Aufgeben der Hoffnung ist die Situation ja nicht gleich ausgestanden und die Wunde verheilt. Deshalb können das intensive Denken an die einstige Zielperson und negativ gefärbte, zwanghafte Grübel-Abwärtsspiralen immer noch sehr präsent im Leben sein.

Den folgenden Tipp erhielt ich von einer befreundeten Psychologin:

„Das Gefährliche an diesem Hineinsteigern liegt darin, dass man sich dadurch quasi eine Autobahn im Gehirn schafft wie bei einer Sucht. Man nutzt immer die gleichen Wege, bis sie so ausgetreten sind, dass man andere gar nicht mehr in Erwägung zieht. Und deshalb wird einem durch kurzes Nachdenken auch schnell deutlich, wie man dieser „Autobahn“ entkommt: Benutzen Sie sofort die nächste Ausfahrt! Fahren Sie über die Landstraße, durch ein Dorf, eine Stadt oder sonst wo hin. Pflegen Sie die alternativen Routen, denn es hilft überhaupt nichts, sich exzessiv mit dem Verliebtsein zu beschäftigen. Es führt genauso wie Grübeleien ins Nichts, in die Leere.“

Zu behaupten, dass dies einfach wäre, wäre gelogen, denn dieser Zustand kann meist nicht einfach willentlich beendet werden. Man stellt jedoch fest, dass man im Laufe der Zeit, die man individuell benötigt, seltener und nicht mehr so lange und intensiv abdriftet. „Rückfällen“ darf man wertschätzend und liebevoll begegnen und sich selbst immer und immer wieder sanft „runter von der Autobahn“ holen. Damit trainiert man das Gehirn wie einen Muskel.

Eine weitere einfache und wirkungsvolle Übung um sich sinnlich in das Hier und Jetzt zu begeben: Man nimmt sich einen Moment Zeit um jetzt…
- zu sehen, was einen umgibt;
- zu hören, welche Geräusche einen umschwirren;
- zu riechen, was jetzt in der Luft liegt;
- zu schmecken, was einem auf der Zunge liegt und
- zu ertasten, was man gerade mit den Händen und dem Körper berührt.

8. Stabilen Rhythmus finden

Ein klar strukturierter Tagesablauf kann ebenfalls helfen, nicht allzu sehr in Grübeleien zu versinken. Für Selbstständige, die bereits finanziell unter der belastenden Situation gelitten haben, kommt vielleicht eine zusätzliche Tätigkeit im Angestelltenverhältnis in Frage. Dies kann den Geist auf neue Herausforderungen richten. Darüber hinaus kann der sanfte Druck von außen einen leichter in Bewegung setzen als es die momentane Bereitschaft zur selbstständigen Arbeit vermag.

9. Zehn Lieblingstätigkeiten finden

Um seinem Leben wieder eine positive Richtung zu geben kann es sehr hilfreich sein, wenn man herausfindet, was einem wirklich von Herzen gut tut und glücklich macht – und das einfach tut.

In solch einer Krise habe ich beispielsweise „KlassikRadio“ entdeckt und es wirkte wie Balsam auf meine Seele. Wie schön sind regelmäßige Spaziergängen in der Natur oder das Pflegen eines Gemüsegartens? Gefühle könnte man kreativ verarbeiten, sich mit FreundInnen treffen oder sich massieren lassen. Andere lieben es Kegeln oder Tanzen zu gehen. Und wieder andere beschäftigen sich mehr mit ihrem Haustier oder verschönern ihre Wohnung.

Am besten notiert man sich die zehn Lieblingstätigkeiten auf einem Zettel und klebt ihn an den Badezimmerspiegel, damit man ihn nicht vergisst und man es sich so gut wie möglich gehen lässt. Denn das hat jedeR verdient.

10. Die eigene Berufung finden und leben

„Wo die Bedürfnisse der Welt mit deinen Talenten zusammentreffen, da liegt deine Berufung.“ Aristoteles

Einen Waldbrand bekämpft man mit einem Gegenfeuer. Ein starkes Privatleben ist die beste Burn-Out-Prophylaxe. Möglicherweise kann eine Limerenz DIE Gelegenheit sein, sich der Frage zu stellen, was man im Leben wirklich-wirklich von ganzem Herzen verwirklichen will. Das kann im beruflichen oder im privaten Bereich liegen. Wofür brennt man im Leben?
Ganz wunderbar ist, sich die schönste Vorstellung von seinem Leben in einem Jahr zu überlegen und sich täglich in kleinen Schritten kontinuierlich darauf zu zu bewegen. Einen Berg erklimmt man ja auch nicht in einem Schritt. Aber mit vielen kleinen Schritten kommt man bis zum Gipfel.

11. Kommunikation verbessern - ein Leben lang

Unsere Kommunikation ist unbewusst gespickt mit Urteilen – meistens Abwertungen –Interpretationen, Vorwürfen, Missverständnissen und Forderungen. Kein Wunder, wenn zwischenmenschlich vieles nicht so gut läuft, wie man sich das wünscht. Wenn es uns gelingt, offener und ehrlicher zu kommunizieren, können wir die Welt wirklich zu einem schöneren Ort machen. Hier und Jetzt. Denn egal in welcher Lebenssituation man sich befindet, eine empathische Kommunikation von Herz zu Herz halte ich für einen wesentlichen Beitrag, um mit mir und meinen Mitmenschen besser zurecht zu kommen.

Am allerbesten gefällt mir dabei die gewaltfreie, wertschätzende Kommunikation von Marshall Rosenberg. Zuerst befähigt man sich dabei zur Selbstempathie, das heißt, man spürt nach innen und erfährt: was geht gerade in mir vor und was brauche ich jetzt? Das sind schon wesentliche Schritte, um dann mit einem Mitmenschen in Kontakt zu kommen. Das geht in vier Schritten. Hier ein Beispiel um einen Realitätsabgleich einzuleiten, wie unter 2. beschrieben:

1. Beobachtung in Ich-Form (keine Interpretation!):

„Wenn ich deine letzte E-Mail vom Samstag lese… etc.“

2. Meine Gefühle:
„…dann bin ich sehr berührt und aufgeregt und denke sehr viel an dich.“

3. Meine Bedürfnisse:
„Ich merke dabei, dass mir die Klarheit in unserer Beziehung sehr wichtig ist.“

4. Meine Bitte (keine Forderung!):

„Deshalb bitte ich dich, dass wir uns nächste Woche mal eine Stunde auf einen Kaffee treffen um uns darüber auszutauschen. Wärst du dazu bereit?“

Für Paare kann ich das Buch „Die Wahrheit beginnt zu zweit – Das Paar im Gespräch“ sehr empfehlen um Zwiegespräche zu lernen. Bei dieser wirksamen Methode schafft man einen Raum, um (wieder) miteinander ins Gespräch zu kommen. Man trifft sich einmal wöchentlich zu einer festen Zeit. Jeder hat fünf Minuten Zeit um sich alles von der Seele zu reden ohne unterbrochen zu werden (Eieruhr auf fünf Minuten einstellen :-)). Der Zuhörende hat Gelegenheit sich wirklich auf das Zuhören zu konzentrieren ohne sofort reagieren zu müssen. Nach diesen fünf Minuten wird gewechselt und das Ganze so lange wiederholt, bis es sich für beide stimmig anfühlt.

12. Selbstwertgefühl und Selbstliebe aufbauen

Dies ist vermutlich der Herzpunkt in der ganzen Geschichte. Darin liegt meiner Meinung nach der Schlüssel verborgen, wie man nach überstandener Limerenz eineN Partner/in findet, mit der/m man eine wirklich erfüllte Liebesbeziehung leben kann.

Möglicherweise hat man als von Limerenz BetroffeneR früher wenig Liebe erfahren oder musste mit dem Verlust geliebter Menschen zurecht kommen. Vielleicht wuchs man in einem Umfeld auf, welches das Selbstwertgefühl mehr geschwächt als gefördert hat. Doch man kann auch als ErwachseneR noch Selbstwertgefühl und Selbstliebe aufbauen und verstärken. Das hört sich schrecklich egoistisch an? Keine Sorge, Egoismus oder Narzissmus ist mit Selbstliebe nicht gemeint.

Vielleicht haben Sie schon einmal vom Naturgesetz namens Resonanzprinzip gehört? Der Volksmund beschreibt es pragmatisch so: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus.“ Dieses Prinzip wirkt in unserem Leben viel tiefer, als wir ahnen. Wir können uns darauf verlassen, dass wir immer genau das bekommen, was wir aus tiefstem Herzen ausstrahlen. Denn darauf reagiert die Umwelt. Wenn man sich selbst im tiefsten Inneren nicht für liebenswert hält, dann wird es auch sonst niemand tun – die beste Voraussetzung für eine unerwiderte Liebe! Denn: wer Disteln sät wird keine Bohnen ernten sondern Disteln. Und das zu wissen hat überhaupt nichts mit „selber Schuld“ zu tun, sondern mit wunderbaren Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Arbeit mit positiven Glaubenssätzen kann hier sehr hilfreich und mächtig wirken. Man macht sich bewusst, welche negativen Überzeugungen man im Herzen mit sich trägt und wie sich diese im Außen erfüllen, und ersetzt diese dann durch positive Glaubenssätze. So verändert man sich im Inneren und erhält immer mehr die gewünschte Resonanz im Außen.
Die wunderschönen Bücher von Luise Hay kann ich dazu besonders empfehlen.

Eine Übung um jederzeit an jedem Ort völlig unabhängig vom Außen in die Selbstliebe zu kommen und sich mit Energie aufzutanken:
„Kommen Sie innerlich zur Ruhe. Stellen Sie sich dabei vor, Sie wären eine leere Flasche. Öffnen Sie behutsam den Schraubverschluss. Und öffnen Sie sich damit der universellen Liebe, die immer da ist. Stellen Sie sich diese Liebe wie einen Regenbogen vor, der aus dem Himmel ganz sanft auf Sie herabfließt und langsam Ihr Inneres mit warmem und sanftem Licht füllt. Genießen Sie den Frieden und die Stille, die sich immer mehr in Ihnen ausbreitet.“
Weitere Hilfestellungen zu mehr Selbstliebe gibt es einige. Aus eigener Erfahrung kann ich das Buch „Heirate dich selbst – Wie radikale Selbstliebe unser Leben revolutioniert“ von Veit Lindau empfehlen. Es ist sehr verständlich und authentisch geschrieben, enthält viele Übungen und eine CD mit drei wundervollen Meditationen. Damit baden Sie in Liebe!

Durch meine neu erwachte Selbstliebe achtete ich darauf, meine Gedanken nicht mehr in die schmerzhafte Vergangenheit driften zu lassen, sondern in eine freudvolle Zukunft zu richten. Ich lud meine mir noch unbekannte Herzdame sozusagen in mein Leben ein. Ich spürte die riesengroße Freude auf sie und darauf, meine Schätze (Fülle statt Mangel!) mit ihr teilen zu dürfen.Vor allem das Ritual des Mich-Selbst-Heiratens einschließlich schriftlichem Ehegelübte auf Seite 40 hat eine nachhaltige Änderung in mir bewirkt. Die Macht solcher Übungen darf man wirklich nicht unterschätzen. Ich bin mir sicher, dass unter anderem dieses Ritual ausschlaggebend dafür war, dass ich sechs Wochen später der Frau begegnet bin, mit der ich seitdem die erfüllendste Liebesbeziehung meines Lebens lebe: Zum Glück ohne stressige Limerenz, innigst verbunden und gleichzeitig frei durch vollstes Vertrauen und in großer Fülle. Ich brauchte einfach nur da sein und mich für die Liebe zu öffnen, ohne etwas leisten zu müssen um damit erst ihre Liebe zu „verdienen“. Liebe ist unser Geburtsrecht.
„Glück gehabt“ könnte man sagen. Sicher, aber das Resonanzprinzip sollte man trotzdem nicht unterschätzen.

Je mehr man sich auf einer vorgestellten Skala von 0 bis 100 % in die Selbstliebe und den Selbstrespekt bewegt, desto weniger wird man sich schlecht behandeln (lassen). Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, wie respektvoll einem plötzlich alle begegnen und man entwickelt sich zu einem Segen für die gesamte Umwelt.

Deshalb: Lächle und das Leben lächelt zurück!

Ich wünsche Ihnen von Herzen eine gesunde Selbstliebe und eine erfüllte Liebesbeziehung.
Ihre Birgit Schmidmeier

Quellen: